19. Juni 2026
zur News ÜbersichtQualitätsentwicklung mit Mehrwert
Die hausärztliche Versorgung steht vor vielfältigen Herausforderungen: steigende Anforderungen an die Behandlungsqualität, zunehmende Komplexität chronischer Erkrankungen, Fachkräftemangel sowie der Wunsch nach einer noch besseren Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren im Gesundheitswesen. Vor diesem Hintergrund investieren der Hausärzteverein St. Gallen (HAV St. Gallen) und das Ärztenetz Thurgau gezielt in Qualitätsmassnahmen, die den Praxisalltag unterstützen und einen konkreten Nutzen für Patientinnen und Patienten schaffen.
Ein wichtiger Baustein für die Finanzierung dieser Massnahmen sind VITH-konforme Medikamentenrabatte. Gemäss den gesetzlichen Vorgaben wird ein Teil der erzielten Vergünstigungen an die Versicherten weitergegeben, während der verbleibende Anteil zweckgebunden in die Verbesserung der Behandlungsqualität investiert wird. Damit entsteht ein Modell, bei dem Einsparungen direkt wieder in die Versorgung zurückfliessen.
Der Weg zu den VITH-konformen Medikamentenrabatten
Bevor Qualitätsprojekte finanziert werden können, sind verschiedene Schritte erforderlich. Zunächst werden die Qualitätsmassnahmen definiert und von den Mitgliedern beschlossen. Anschliessend erfolgt die Festlegung eines Medikamentenkonsenses, die Einholung von Angeboten der Pharmaunternehmen sowie der Abschluss entsprechender Rabattvereinbarungen. Danach folgen die administrativen Prozesse, die Datenauswertung sowie die Umsetzung der Qualitätsmassnahmen in den Praxen. Abschliessend wird gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) nachgewiesen, wie die Mittel eingesetzt wurden.
Für den HAV St. Gallen und das Ärztenetz Thurgau stehen dabei einige wichtige Grundsätze im Vordergrund: Die Teilnahme der Praxen erfolgt freiwillig und der administrative Aufwand soll möglichst gering bleiben. Je mehr Praxen sich beteiligen, desto grösser wird der finanzielle Spielraum für die Qualitätsentwicklung im Netzwerk.
Qualitätszirkel und evidenzbasierte Medizin stärken
Eine der wichtigsten Qualitätsmassnahmen sind die etablierten Qualitätszirkel für Ärztinnen, Ärzte sowie MPA und MPK. Sie bilden seit Jahren einen zentralen Bestandteil der hausärztlichen Qualitätsentwicklung. In diesen regelmässigen Treffen werden medizinische Fragestellungen diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und Behandlungsansätze reflektiert.
Neu soll die Arbeit der Qualitätszirkel noch stärker durch evidenzbasierte Informationsquellen unterstützt werden. Geplant ist der Ausbau des Zugangs zu aktuellen medizinischen Guidelines über die Plattform UpToDate. Dadurch erhalten Hausärztinnen und Hausärzte einen direkten Zugang zu wissenschaftlich fundierten Handlungsempfehlungen und können ihre Entscheidungen noch konsequenter an den neuesten Erkenntnissen ausrichten. Die Kombination aus Qualitätszirkeln und evidenzbasierter Medizin stärkt sowohl die Behandlungsqualität als auch die Patientensicherheit.
Diabetesversorgung systematisch weiterentwickeln
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Chronic Care Management (CCM) für Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2. Chronische Erkrankungen erfordern eine langfristige, strukturierte Betreuung, die weit über einzelne Arztkontakte hinausgeht.
Mit dem Einsatz von BlueCCM können die beteiligten Praxen ihre Betreuungsaktivitäten systematisch dokumentieren und anhand etablierter Qualitätsindikatoren auswerten. Die Versorgung orientiert sich dabei an den Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetologie (SGED). Gleichzeitig können relevante Parameter auf Praxis- und Netzwerkebene sichtbar gemacht werden.
Der Nutzen dieser Massnahme liegt auf mehreren Ebenen: Patientinnen und Patienten profitieren von einer strukturierten Betreuung, die Praxen erhalten eine transparente Übersicht über ihre Versorgungsqualität, und das Netzwerk kann die Wirksamkeit seiner Qualitätsaktivitäten nachvollziehbar dokumentieren. Damit entsteht ein konkreter Beitrag zur Verbesserung der Langzeitversorgung chronisch kranker Menschen.
Vernetzte Versorgung mit Smart Managed Care
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung der koordinierten Versorgung durch Smart Managed Care (SMC). Ziel ist es, Patientinnen und Patienten jederzeit den passenden Zugang zum Gesundheitssystem zu ermöglichen und gleichzeitig die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxis, Spitex, Notfalldiensten und Spitälern zu verbessern.
Technologische Grundlage dafür bildet die Plattform Heureka Health. Sie ermöglicht, strukturierte Daten aus den Praxisinformationssystemen auszulesen, sicher zu verschlüsseln und kontrolliert für verschiedene Anwendungen bereitzustellen. Dabei behalten die Hausärztinnen und Hausärzte jederzeit die Hoheit über die Datenfreigabe. Doppelerfassungen werden vermieden, und relevante Informationen können dort verfügbar gemacht werden, wo sie für die Behandlung benötigt werden.
Patientinnen und Patienten aktiv einbeziehen
Qualität zeigt sich nicht nur in medizinischen Kennzahlen, sondern auch darin, wie Patientinnen und Patienten ihre Versorgung erleben. Deshalb setzt HAV St. Gallen auf eine systematische Erfassung der Patientenzufriedenheit.
Mit dem System «HappyOrNot» können Patientinnen und Patienten direkt in der Praxis unkompliziert Rückmeldungen zu ihrer Erfahrung geben. Die Erhebung erfolgt über einfache Feedback-Terminals und liefert wertvolle Hinweise auf Stärken und Verbesserungspotenziale in den Abläufen der Praxen.
Die gewonnenen Erkenntnisse sollen nicht nur einzelnen Praxen helfen, sondern auch den Qualitätsdialog innerhalb des Netzwerks fördern. Die Perspektive der Patientinnen und Patienten wird damit zu einem festen Bestandteil der Qualitätsentwicklung.
Qualität messbar machen
Langfristig soll die Wirkung der verschiedenen Qualitätsmassnahmen noch besser sichtbar gemacht werden. Hierfür bietet die Forschungsdatenbank FIRE interessante Möglichkeiten. Anhand anonymisierter Routinedaten können Qualitätsindikatoren zu chronischen Erkrankungen, Präventionsmassnahmen oder Verschreibungsverhalten ausgewertet werden.
Die Netzwerke prüfen deshalb, wie FIRE künftig genutzt werden kann, um die Entwicklung der Versorgungsqualität transparent darzustellen und die Wirkung der verschiedenen Projekte wissenschaftlich zu begleiten. Damit würde gleichzeitig auch der geforderte Nachweis gegenüber den Behörden erleichtert.
Gemeinsam in die Zukunft der hausärztlichen Versorgung
Die geplanten Qualitätsmassnahmen zeigen, dass VITH-konforme Medikamentenrabatte weit mehr sind als ein Finanzierungsinstrument. Sie schaffen die Grundlage, um bestehende Qualitätsprojekte zu sichern und neue Versorgungsinnovationen umzusetzen.
Qualitätszirkel, strukturierte Diabetesprogramme, digitale Vernetzung über Smart Managed Care, evidenzbasierte Entscheidungsunterstützung und die aktive Einbindung der Patientinnen und Patienten verfolgen dabei ein gemeinsames Ziel: die hausärztliche Versorgung kontinuierlich weiterzuentwickeln und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
So entstehen aus finanziellen Vergünstigungen konkrete Verbesserungen im Praxisalltag – mit einem nachhaltigen Nutzen für Patientinnen und Patienten, Praxisteams und das gesamte Gesundheitswesen.